Aktuelles-Artikel
28. September 2026
Zwischen Industrie, Arbeit, Migration und Freiräumen
Drei Tage Bildungsfahrt nach Hannover und Wolfsburg
Was haben ein alternatives Stadtentwicklungsprojekt in Hannover, die Geschichte der Arbeitsmigrant:innen in Wolfsburg und die Zukunft von Volkswagen miteinander zu tun? Auf den ersten Blick vielleicht nicht viel. Auf unserer Bildungsfahrt vom 20. bis 22. September 2026 wurde jedoch schnell deutlich: Hinter allen drei Themen stehen Menschen, Arbeit, politische Entscheidungen – und die Frage, wie wir unsere Städte und unsere Gesellschaft gestalten wollen.
Mit dabei war auch das Wehnerwerk-Team. Gemeinsam mit den Teilnehmenden ging es zunächst von Dresden nach Magdeburg, anschließend nach Wolfsburg und Hannover und schließlich wieder zurück nach Dresden. Drei Tage lang haben wir Orte besucht, mit Menschen gesprochen, Geschichte betrachtet und immer wieder den Blick auf aktuelle politische Fragen gerichtet.
Was passiert, wenn ein großes Industrieprojekt plötzlich wegfällt?
Der erste Halt führte nach Magdeburg. Dort sprach die Gruppe mit Sabine Lindenau, Chefreporterin der Magdeburger Volksstimme über die abgesagte Intel-Ansiedlung und ihre Folgen. Milliardeninvestitionen, neue Arbeitsplätze, Infrastruktur und die Hoffnung auf einen wirtschaftlichen Schub hatten die Planungen geprägt. Nun musste sich die Stadt mit der Frage auseinandersetzen, wie es nach dem Aus der Ansiedlung weitergeht.
Damit war gleich zu Beginn ein Thema gesetzt, das uns auch in Wolfsburg wieder begegnen sollte: Was bedeutet es für eine Stadt, wenn ihre wirtschaftliche Entwicklung eng mit großen Industrieunternehmen verbunden ist? Und welche Möglichkeiten hat Kommunalpolitik eigentlich darauf, wenn sich wirtschaftliche Rahmenbedingungen verändern?
Wolfsburg: Eine Stadt, die ohne Volkswagen kaum zu verstehen ist
In Wolfsburg wurde diese Frage besonders greifbar. Die Stadt entstand Ende der 1930er Jahre als Planstadt rund um das Volkswagenwerk. Industrie, Stadtplanung und nationalsozialistische Politik waren von Anfang an eng miteinander verbunden.
Wer heute durch Wolfsburg geht, begegnet Volkswagen beinahe überall – in der Stadtstruktur, in der Arbeitswelt und im Selbstverständnis der Region. Genau deshalb war es spannend, nicht nur auf die aktuelle wirtschaftliche Lage des Konzerns zu schauen, sondern auch auf die Menschen, die Volkswagen in den vergangenen Jahrzehnten mit aufgebaut haben.
„Gastarbeiter:innen“ – Sie kamen, um zu arbeiten, und fanden eine neue Heimat
Ein besonderer Programmpunkt war das Gespräch zur Geschichte der Arbeitsmigration mit Aleksander Nedelkovski von der Geschichtswerkstatt Wolfsburg. Ab den 1950er Jahren warb die Bundesrepublik Arbeitskräfte aus anderen Ländern an. Auch Volkswagen setzte zunehmend nach der deutschen Teilung auf Arbeitsmigration. Im Mittelpunkt unseres Gesprächs standen Lebens- und Arbeitsbedingungen der sogenannten „Gastarbeiter“, ihre Bedeutung für den wirtschaftlichen Aufstieg der Bundesrepublik und die Frage, wie sich aus einem zunächst als vorübergehend gedachten Aufenthalt dauerhafte Lebensgeschichten entwickelten.
Besonders eindrücklich wurde das Gespräch dadurch, dass Aleksander Nedelkovski seine Mutter als Zeitzeugin mitgebracht hatte. Als junge Frau kam sie aus Mazedonien als Arbeitsmigrantin nach Deutschland und berichtete von ihren Beweggründen, die Heimat zu verlassen, von ihrem Ankommen in Deutschland und ihren Erfahrungen. So wurde aus einem historischen Thema eine ganz persönliche Geschichte.
Hannover: Politik entscheidet über Wirtschaft – und Wirtschaft verändert Politik
Am zweiten Tag ging es nach Hannover in den Niedersächsischen Landtag. Im Gespräch mit dem Abgeordneten Christoph Bratmann (Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft, Verkehr und Bauen) standen die Beziehungen zwischen Landespolitik, Industrie und Beschäftigten im Mittelpunkt.
Das war mehr als ein klassischer Landtagsbesuch. Denn Niedersachsen ist über seine Beteiligung an Volkswagen unmittelbar mit dem Unternehmen verbunden. Wenn bei VW über Produktionsstandorte, Arbeitsplätze und Investitionen entschieden wird, betrifft das deshalb nicht nur ein Unternehmen, sondern auch Regionen, Kommunen und öffentliche Haushalte.
Die Aktualität dieses Themas war während unserer Fahrt unmittelbar spürbar: Volkswagen steht 2026 unter erheblichem Kostendruck und befindet sich mitten in einem tiefgreifenden Umbau. Zehntausende Arbeitsplätze stehen bereits zur Disposition beziehungsweise sollen in den kommenden Jahren wegfallen; zugleich ist die Zukunft einzelner deutscher Standorte offen. Betriebsrat und IG Metall drängen auf Beschäftigungssicherung und Investitionen, während der Konzern auf Kostensenkungen, Wettbewerbsfähigkeit und neue Geschäftsfelder im Bereich Sicherheits- und Verteidigungslösungen setzt.
Damit wurde eine Frage aus dem Abgeordnetengespräch plötzlich sehr konkret: Welche Verantwortung trägt Politik, wenn die Entscheidungen eines großen Unternehmens über die Zukunft einer ganzen Region mitbestimmen?
Hannover-Linden: Arbeiterstadtteil, Widerstand und alternative Kultur
Am Nachmittag tauchten wir in die Geschichte Hannovers-Lindens ein. Bei der politischen Stadtteilführung mit Mitarbeitenden der Egon Kuhn Geschichtswerkstatt wurde schnell deutlich: Linden lässt sich kaum verstehen, ohne seine Geschichte als Arbeiterstadtteil zu kennen.
Industrialisierung und Fabrikarbeit prägten das Viertel über Generationen. Die Geschichte der Lindener Arbeiterfamilien erzählt dabei nicht nur von oft schwierigen Arbeits- und Lebensbedingungen, sondern auch von Solidarität, Selbstorganisation und politischem Engagement. Die Egon Kuhn Geschichtswerkstatt bewahrt diese Geschichte und macht sie auf ganz unterschiedliche Weise sichtbar – etwa in ihren Arbeiten zur ehemaligen Fannystraße, die einst von Arbeiter:innen der Textilindustrie bewohnt wurde.
Ein weiterer Schwerpunkt der Führung lag auf der Zeit des Nationalsozialismus. Linden war auch ein Ort politischen Widerstands. Besonders eindrücklich ist die Geschichte der Sozialistischen Front, einer sozialdemokratischen Widerstandsorganisation, die in Hannover ein großes Netzwerk gegen das NS-Regime bildete. Mitglieder der Widerstandsgruppe wurden verhaftet und teilweise zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.
Auch andere linke und antifaschistische Kräfte prägten die politische Geschichte des Stadtteils. Die Erinnerung daran ist in Linden bis heute präsent – und gehört zu einer Lokalgeschichte, die nicht nur von Fabriken und Wohnhäusern erzählt, sondern auch von politischer Haltung, Widerstand und Solidarität.
Und dann ist da das Linden der Gegenwart: ein Stadtteil mit einer lebendigen alternativen und teilweise dezidiert linken Szene, mit Kulturprojekten, selbstorganisierten Orten, Kneipen, Vereinen und Initiativen. Dass diese politische und kulturelle Tradition nicht einfach Vergangenheit ist, wurde bei unserem Rundgang unmittelbar spürbar.
Ein besonderer Höhepunkt: Das PLATZprojekt
Am späten Nachmittag besuchte die Gruppe das PLATZprojekt in Hannover-Linden. Und spätestens hier wurde aus dem Thema Stadtentwicklung etwas, das man nicht nur diskutieren, sondern tatsächlich sehen und erleben konnte.
Auf einem ehemaligen, ungenutzten Industriehof entstand seit 2013 ein außergewöhnlicher Ort: Container, Werkstätten, Veranstaltungsräume, Projekte und Begegnungsorte bilden ein urbanes Experimentierfeld. Das PLATZprojekt versteht sich als Modell-, Forschungs- und Best-Practice-Projekt für experimentelle Stadtentwicklung.
Das Besondere: Hier wird nicht erst jahrelang geplant, bevor etwas passiert. Die Grundidee lautet „DO-Ocracy“. Menschen mit Ideen bekommen Raum, Infrastruktur und die Möglichkeit, Dinge selbst auszuprobieren. Ob Workshop, Konzert, Lesung, Start-up, Verein oder Werkstatt: Das PLATZprojekt versteht sich als Ort, an dem Projekte entstehen können, die in der Stadt bislang keinen Platz haben.
Damit ist das PLATZprojekt weit mehr als eine Ansammlung ungewöhnlicher Container. Es ist ein Ort alternativer Soziokultur und ein Reallabor für die Frage, wie Stadt auch funktionieren kann: selbstorganisiert, mit flachen Hierarchien und mit viel Raum für Eigeninitiative.
Für unsere Gruppe war das eines der Highlights der gesamten Fahrt. Denn hier konnten wir ganz praktisch erleben: Was, wenn Menschen nicht nur meckern, sondern anfangen, ihre Stadt selbst zu gestalten?
Dass dieses Konzept inzwischen auch von der Stadt Hannover unterstützt wird und der Stadt das Gelände gehört, zeigt zugleich, wie aus einem zunächst selbst initiierten Experiment ein dauerhaftes Stadtentwicklungsprojekt werden kann.
Zurück nach Wolfsburg: Erinnern heißt Verantwortung übernehmen
Am letzten Tag führte der Weg wieder nach Wolfsburg. Bei einer Stadtführung ging es noch einmal um die besondere Entstehungsgeschichte der Stadt und die Verbindung von Stadt, Volkswagen und nationalsozialistischer Industriepolitik.
Anschließend besuchten wir die Erinnerungsstätte an die Zwangsarbeit auf dem Gelände des Volkswagenwerks und beschäftigten uns mit einem der dunkelsten Kapitel der Unternehmensgeschichte.
Während des Zweiten Weltkriegs wurden tausende Menschen aus den von Deutschland besetzten Ländern sowie KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene zur Arbeit im Volkswagenwerk gezwungen. Die Ausstellung macht sichtbar, unter welchen Bedingungen diese Menschen leben und arbeiten mussten und wie eng industrielle Produktion, staatliche Gewalt und systematische Entrechtung miteinander verbunden waren.
Damit schloss sich ein Bogen, der die gesamte Fahrt begleitete: Arbeit ist nie nur eine wirtschaftliche Kategorie. Hinter Produktionszahlen, Arbeitsplätzen und Standortentscheidungen stehen Menschen – mit ihren Biografien, Hoffnungen und Erfahrungen.
Genau das macht Bildungsfahrten des Wehnerwerks aus: Wir schauen nicht nur auf Geschichte oder aktuelle Politik. Wir gehen an die Orte, an denen gesellschaftliche Fragen sichtbar werden, sprechen mit Menschen vor Ort und bringen unterschiedliche Perspektiven miteinander ins Gespräch.
Und manchmal findet man dabei einen Ort wie das PLATZprojekt, der zeigt, dass Stadtentwicklung nicht nur etwas ist, das andere machen. Man kann selbst anfangen.